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Mittwoch, den 20. Januar 2010 um 20:38 Uhr

TEIL I: SICHERHEIT GEHT VOR!

von Bettina Schilling am 30. Juni 2009 in Nachgefragt, blog.spielplatztreff.de


Spielplatztreff ist an der Sache dran geblieben und hat nachgefragt! In einer 4-teiligen BLOG-Serie werden wir uns nicht nur mit dem Thema Sicherheit befassen, sondern prinzipiell interessante Aspekte zur Spielplatz-Thematik näher beleuchten.

Wir freuen uns sehr, dass sich Uwe Lersch, Spielflächenplaner aus Iserlohn, für diese BLOG-Serie die Zeit genommen hat und unsere Fragen beantwortet. Vielen Dank dafür!

Frage: Herr Lersch, bevor wir loslegen… was genau machen Sie als Spielflächenplaner?


Lersch: Wie bereits aus meiner Berufsbezeichnung hervorgeht, plane und realisiere ich Außenspielflächen. Ein ganz wichtiger Kern meiner Arbeit besteht jedoch darin, Entscheidungsträger und Betreiber von Spielflächen , die ja unterhaltspflichtig und sicherheitsverantwortlich sind, über zeitgemäße Außenspielpädagogik zu informieren,

 

immer auch im Hinblick auf den aktuellen Stand der Entwicklung von Kindern und Jugendlichen sowie den Unterhaltskostenbetrachtungen. Dies geschieht sowohl in Form von Projekt-bezogenen Gesprächen als auch von Seminaren und Foren.


Frage: Sie kennen sich also mit Spielplätzen und Sicherheitsfragen bestens aus. Überrascht Sie das schlechte Abschneiden der Spielplätze im aktuellen Spielplatztest?

Lersch: Nein, durchaus nicht. Um dazu vorab eine berechtigte Klassifizierung vorzunehmen: Je gleichgültiger der politischen Ebene einer Kommune oder dem Vorstand einer Wohnungsbaugesellschaft oder eines Facility-Managers die Spielplatzfrage ist, desto schlechter ist auch die Spielplatzsituation insgesamt (Größe, Ausstattung, Sicherheit).

Soll bedeuten, dass der Betrieb von Spielflächen in Ballungsgebieten aufgrund der hohen Bevölkerungsdichte und der sozialen Problemstellungen sehr viel ernster genommen wird als in ländlichen Gebieten. Der aktuelle Spielplatztest geht fälschlicherweise davon aus, dass die Spielplatzsicherheit in Ballungsgebieten aufgrund der sehr viel zahlreicheren Spielplätze pro Fläche mehr in Frage gestellt werden muss als in ländlichen Gebieten. Dem ist leider nicht so. Wir gehen nach Lage der Dinge sogar davon aus, dass die Spielplatzsicherheit in ländlichen Strukturen im Verhältnis zur Einwohnerzahl sehr viel schlechter da steht als in Ballungszentren. Leider hat sich der TÜV Rheinland/BILD der FRAU-Test nur auf Großstädte gestürzt. Ich kenne Kleinstädte, in denen 60 Prozent der Spielflächen aufgrund akuter Lebensgefahren sofort gesperrt werden müssten.



Die BILD der FRAU-Aktion entspricht darüber hinaus leider doch sehr dem Boulevard-Journalismus: Teilweise leicht überdramatisierte Ergebnisberichte und dann diese Mitmach-Aktion „Kinder-planen einen-Spielplatz“, wobei Kinder a) nicht wissen, was für ihre Entwicklung von Vorteil ist und b) das Ganze wieder in spielwertlosen Holzungetümen endet, die genau jene horrenden Unterhaltskosten verursachen, weswegen die unterhaltspflichtigen Instanzen mit Ihrer Sicherheit nicht hinterherkommen. Ein Aberwitz!


Das Gegenteil dieser Boulevard-Aktion ist jedoch genauso von Unschärfe geprägt: Fachzeitschriften wie “STADT und RAUM” und “Play & Leisure”, die sich die Berichte über Spielgeräte direkt von den Herstellern schreiben lassen, mit dem Ergebnis, dass anscheinend alles toll ist. Kritisiert werden darf natürlich nicht, sonst bleiben die Anzeigen aus.



Frage: Wer kümmert sich generell um die Sicherheit der Spielplätze?

Lersch: Die unterhaltspflichtigen Betreiber der Spielflächen, überwiegend Kommunen, Wohnungsbaugesellschaften, Kirchen und sonstige caritative Einrichtungen haben gemäß der DIN EN 1176 und 1177 (Spielgerätesicherheit sowie Herstellung, Betrieb und Unterhaltung stoßdämpfender Böden) die Aufgabe, eine wöchentliche Durchsicht und eine monatliche Wartungsinspektion durchzuführen. Die letztgenannte ist schriftlich zu dokumentieren.

Darüber hinaus ist eine jährliche Hauptinspektion durchzuführen, die u.a. auch das Freilegen von Fundamenten vorsieht, um die Stabilität von Spielanlagen genauestens zu überprüfen. Der Verlauf der Untersuchung ist exakt zu dokumentieren. Mängel werden durch Fotos zusätzlich definiert und sind umgehend abzustellen. Diese Arbeiten sind allesamt von „Sachkundigen für Spielplatzgeräte“ bzw. „Fachkräften für Kinderspielplätze“ oder höher qualifizierten Personen (z.B. amtlich anerkannte Sachverständige für Spielplätze) durchzuführen. Diese können der Organisation des Betreibers entstammen (Kommune z.B. Betriebshof / Wohnungsbau z.B. Hausmeister oder technische Dienste) oder es erfolgt die Vergabe der Leistungen an Dritte wie TÜV, DEKRA, Ingenieurbüros, aber auch renommierte Hersteller bieten diese Dienstleistung an.



Frage: Woran liegt es, dass trotz dieser gesetzmäßig vorgeschriebenen Kontrollen offensichtliche Mängel wie morsches Holz oder vorstehende Schrauben übersehen werden?

Lersch: In erster Linie aus den schon oben genannten Gründen! Sobald ich mangelhafte Spielflächen vorfinde, ist die Antwort seitens der Verwaltung überwiegend die gleiche: „Die Politik wälzt alles auf den Betriebshof ab, stellt aber keine Mittel zur Verfügung. Wir wissen, dass das alles morsch ist, dürfen es aber seitens der Politik wiederum nicht sperren oder abbauen, weil sich sonst die Eltern beschweren, dass keine Spielgelegenheiten mehr vorhanden sind.“

Ergo: Es wird nicht nichts übersehen, es wird einfach nichts instandgesetzt. Vielerorts wird auch gar nicht erst geprüft. Ich kenne Gemeinden, die haben 2 Jahre alte(!) Prüfberichte in der Schublade und seit dem nicht einen Mangel abgestellt. Obwohl in zwei Fällen in der Nachbargemeinde genau deswegen bereits  ein Kind zu Tode gekommen ist. Die Politik winkt ab!

Grundübel ist in Deutschland jedoch die sehr traditionelle Sichtweise der Erwachsenen zum Thema Spielflächen. Ob Politiker, Eltern oder Presse: Insgesamt bewegen wir uns im weltweiten Vergleich mit 42 Ländern auf den hintersten Plätzen, sprich, dem Niveau der 70er Jahre und das zum Nachteil unserer Kinder.


Frage: Es hat den Anschein, dass der schwarze Peter ausschließlich bei den Kommunen liegt. Sehen Sie hier noch andere Verantwortliche?

Lersch: Ich muss den Begriff „Kommune“ hier zwingend gegen den Begriff „Politik“ tauschen. Denn Kommune heißt vor allem auch Grünflächenamt, Jugendamt, Planungsamt sowie in kleinen Gemeinden auch „Soziales und Sport“ oder Tiefbauamt. Die Damen und Herren sind das Ende der Prozesskette, wenn es um die Gestaltung möglichst innovativer Spielflächen geht. Hier finden wir überwiegend sehr engagierte Leute, die sich wirklich reinhängen, jedoch der Willkür der Politik und deren Budgetierungen ausgesetzt sind.

Aber es geht ja noch weiter: Grundsätzlich ist Deutschland ein kinderfeindliches Land. Nach wie vor bekommen wir die Defizite um die Entwicklung des Menschen bis zum Erwachsenenalter nicht in den Griff: Ob mütterfeindliche Arbeitsplätze, Kinderbetreuung, Schulbildung, Spielflächen, Jugendzentren, Sportanlagen etc.:  Unsere Leistungsgesellschaft will mit Kindern möglichst wenig zu tun haben.

Was man von Kindern will, ist ihr Taschengeld. Dann ist aber auch Schluss. Und diese Einstellung projiziert sich hinein in die Einzelthemen wie Spielflächenbudget, Betrieb von Jugendzentren usw.  Ich meine, es wäre in Deutschland dringend Zeit für die Gründung einer Kinderpartei, um den Kindern, ähnlich wie in den skandinavischen Ländern, endlich eine feste Lobby zu geben.


Frage: Welchen Stellenwert hat das Thema Spielplatzsicherheit für Ihre Arbeit?

Lersch: Grundsätzlich: Spielplatzsicherheit besteht aus mehreren Faktoren: Vorne an selbstverständlich die Spielgerätesicherheit, dann die stoßdämpfenden Böden, ggf. sonstige stationäre Bauwerke wie Findlinge und Kletterfelsen, Einfriedung der Spielflächen, Zuwegung und Beschilderung. All diese Faktoren sind Grundlagen unserer Planungen sowie Abstimmungen mit  weiteren Planern und Betreibern, sprich, Unterhaltspflichtigen.

Spielplatzsicherheit heißt jedoch auch: Das Spiel selbst muss immer ein gewisses Risiko enthalten. Auch das ist in der DIN EN 1176 eindeutig vorgesehen, unabhängig von schlechten Materialien und mangelnder Kontrolle. Heißt:  Verletzungen bis hin zu Brüchen und offenen Wunden dienen der wichtigen Gefahrenein- und Risikoabschätzung.  Was jedoch unbedingt vermieden werden muss, ist das Risiko zur Entstehung bleibender körperlicher und psychischer (traumatischer) Schäden.


Frage: Was können Eltern selbst tun, um für die Sicherheit ihrer Kinder auf Spielplätzen zu sorgen?

Lersch: Einfache Lösung: Bieten Sie Ihren Verwaltungsspitzen (Bürgermeister) eine klar strukturierte Organisation von Spielplatzpaten an. Diese überprüfen den laufenden Spielbetrieb auf Spielflächen in unmittelbarer Nähe Ihrer Wohnung. Halten Sie dazu Kontakt zu den ausführenden Stellen, insbesondere den Baubetriebshöfen. Entwickeln Sie ein Meldesystem, so dass vom Bürgermeister bis zum Baubetriebshof jeder erkennbare Mangel bekannt wird.

Perfekte Lösung: Gründen Sie in jeder Kommune einen Elternrat. Dazu sind aber ein paar wichtige Regeln zu beachten:

  • Informieren Sie sich ausführlich über die Sachthemen. Stellen Sie nicht Ihre bisher gewachsene Meinung als Ziel Ihrer Arbeit nach vorne, sondern lesen Sie, hören Sie und fragen Sie Experten. Nichts ist schlimmer als eine Horde gesprächsresistenter Eltern.
  • Gehen Sie mit einem klar gegliederten Programm auf Bürgermeister(innen) und Dezernenten(innen) zu, so verschaffen Sie sich  Gehör und Respekt. Werden sie damit eine feste Größe in Ihrer Kommune, so
  • gewinnen Sie Einfluss auf die Spielflächensituation. Zeigen Sie dazu Kooperationsbereitschaft, was wiederum auf eine positive Resonanz bei der Verwaltung stößt und
  • entwickeln Sie sich zu gefürchteten Sponsorengeld-Eintreibern, denen aufgrund der gewachsenen Bedeutung des Elternrats niemand so richtig etwas abschlagen kann.